„Nicht, dass es in 25 Jahren heißt: Stolpen800, das war doch dieser Lauf“. Diese Meinung hatte ich vor einigen Wochen gehört und war darüber etwas erschrocken. Hatten wir es mit Werbung und Aktivitäten rund um den Basalt-Lauf übertrieben? Oder sind die anderen Highlights im Festjahr schlichtweg in der Wahrnehmung unterrepräsentiert und hätten es auch verdient, beworben zu werden? Ich entschied mich für Letzteres und rief Johannes Venus an, den Macher hinter dem Schauspiel „Sühne“. Ich erzählte ihm von meinen Überlegungen und bat darum, eine Probe besuchen und darüber berichten zu dürfen. Anfangs erntete ich etwas Skepsis. Wollte da einer die Überraschung verderben und ausplaudern, was seit Monaten vorbereitet wurde? Es gab wohl schon Anfragen, doch bitte mal gucken zu dürfen – vorrangig von früheren Darstellern. Schließlich konnte ich die Bedenken entkräften und machte mich am 10. Februar auf zur Alten Turnhalle, wo die Probe stattfinden sollte.

Vor 50 Jahren, im Rahmen der 750-Jahr-Feier, wurde das Theaterstück von Helmut Venus geschrieben und am 04.07.1968 (nur dieses eine Mal) auf dem Stolpener Marktplatz aufgeführt. Bereits vor über 2 Jahren hatte sein Sohn Johannes Venus die Idee, diese Stück neu zu inszenieren und bei den Feierlichkeiten zur 800-Jahr-Feier an gleicher Stelle wieder aufzuführen. Für dieses Spektakel konnte er Laiendarsteller (vom Schüler bis zum Rentner) aus Stolpen und Umgebung gewinnen.

Hauptperson ist die hübsche Magd Anna, die Fronarbeit bei einem Gutsherren namens Miltitz leisten musste. Diese wurde durch eine Intrige zu Unrecht verurteilt und grausam hingerichtet. Helmut Venus hat dieses Stück damals anhand realer Ereignisse, die sich hier um 1500 zutrugen, geschrieben. Der mögliche Widerspruch zwischen dem Gesetz und dem gesunden Menschenverstand, den er thematisiert, ist immer aktuell. 1968 hat es aber sicher Mut erfordert, diesen aufzuzeigen. Das gilt gerade auch vor dem persönlichen Konflikt, den Helmut Venus in den 60-er Jahren des letzten Jahrhunderts in seinem Lehrer-Beruf erleben musste (ich verweise auf den Beitrag von Siegfried Körner auf S. 154 ff. in dem sehr empfehlenswerten Buch „Stolpen 2018 – Geschichte und Geschichten).

In den letzten Monaten fanden unzählige Proben im Gemeindezentrum und, seit dem Aufbau der Kulissen, in der Alten Turnhalle statt. Bühnenaufbauten, Bühnenbild und selbst der Vorhang wurden eigenhändig von Johannes Venus und seinem Team gebaut und angefertigt. Das Erste, was bei der Probe auffällt, ist die Kälte. Die Alte Turnhalle, in der die Stolpener Volleyballer manche Schlachten gewonnen haben, ist der ideale Ort für das große Bühnenbild. Nur ist die Halle momentan nicht beheizt. Es sind vielleicht 5 Grad. Da auch Strom fehlt, rattert draußen ein Stromerzeuger und liefert Energie für 2 Halogenstrahler, die die Szenerie erhellen. Das Licht flackert. Nach und nach kommen alle Darsteller. Man spürt ein vertrautes Miteinander, es wird gelacht, eine „Magd“ hat Schokolade für alle mit. Ich erlebe 2 von 4 Szenen. Teilweise ist das Stück so aktuell, dass ich mich dabei ertappe, meine heutigen Mitmenschen in Dialogen, die vor über 500 Jahren spielen, wiederzufinden. Ich muss immer wieder schmunzeln, wie gut die Darsteller zu ihren Rollen passen. Die Probe dauert ca. 2 Stunden, dann stieben alle recht schnell wieder auseinander.

Ich neige von Berufswegen im Schriftlichen zur nüchternen Berichtsform. Die umfängliche und ausschweifende Beschreibung von Zuständen sollen andere machen. Deshalb nur soviel: Sowohl Besetzung als auch Darstellung haben mich begeistert. Ich bin neugierig geworden auf das ganze Stück und freue mich über die Arbeit von Johannes Venus und seiner Theatergruppe, die bisher weitestgehend im Verborgenen stattfand. Es fasziniert mich immer wieder, Menschen zu begegnen, die eine Idee haben und verrückt genug sind, diese Idee gegen alle Widerstände umzusetzen. Mir würde dafür die Kreativität fehlen, aber ich begleite solche Menschen gern mit den Fähigkeiten, die ich habe. Keiner soll denken, 2018 wird in Stolpen nur gelaufen. Das machen wir dann am 23. September.

Das Schauspiel „Sühne“ wird am Sonntag, den 03. Juni und am Mittwoch, den 06. Juni, jeweils 20:30 Uhr auf dem Marktplatz in Stolpen aufgeführt.

Torsten Friedrich AG „Stolpen läuft“