Die Festwoche zum 800-jährigen Stadtjubiläum hatte viele Höhepunkte, aber eines ragte heraus. Dabei war es weder spektakulär wie der großartige Festumzug oder laut wie Mike Kilians „Starfucker“-Konzert. Die beiden Aufführungen des Theaterstücks „Sühne“ von Helmut Venus am 03.06. und am 06.06. haben die Stadt und ihre Gäste verzaubert. Ich habe selten oder eigentlich noch nie eine derartige Atmosphäre auf dem Markt gespürt. Fast italienisch leicht und beschwingt fühlte sich unsere Stadt an, der Markt (in beiden Fällen mit über 2.000 Gästen) gefüllt wie nie, fantastisches Wetter und Schwalben, die im Tiefflug laut singend über den Marktplatz flogen.

Natürlich war die Anspannung aller Beteiligten vor Beginn zu spüren. Ernste Miene bei Johannes Venus, dem wir die Wiederaufführung des Stücks von seinem Vater zu verdanken haben. Ich erinnere mich an den „Richter“, der vor Beginn neben der Bühne einen Zigarillo nach dem anderen durchzog. Aber dann: Von den Torwächtern gefangen und eingesperrt, wurde Petra Friese auf den Markt geführt, die dann in einer angenehmen Entspanntheit die 1. Aufführung anmoderierte, als würde sie nie etwas anderes machen.

Spielfreude – mit diesen Worten kann man beide Aufführungen, mit teilweise unterschiedlichen Besetzungen, am Besten umschreiben. Es war Volkstheater im eigentlichen Wortsinn, weil sich hier ausschließlich Laien aus dem Volk überzeugend, textsicher und mit großem Eifer vor dem Volk präsentierten. Ein großer Spaß war es, stadtbekannte Gesichter in Rollen zu sehen, die wirklich zu ihnen passten. Ich will niemanden hervorheben. Aber die Tatsache, dass Darsteller und Ehepartner während der Probenmonate schwer erkrankten, sich dann Gott sei Dank wieder erholten und auf der Bühne und dahinter schließlich alles gaben, kann ich nur als großes Glück beschreiben.

Die Kritik der Macher und auch einiger Gäste bezüglich der Sicht- und Platzverhältnisse auf dem Markt muss man aushalten und angesichts der Leistungen der Mitwirkenden auch verstehen. Auch Ton und Lautstärke wurden kritisiert. Die sollte aber eher dem Küchenbullen gelten, der bei der 2. Aufführung minutenlang das Letzte aus den Schnitzeln herausholte. Letztlich ist ein Projekt wie das Theaterstück ein Kompromiss zwischen dem Möglichen und dem Machbaren, der in diesem Falle aber nicht schwach oder gar faul, sondern schlicht großartig war.

In einem der Zeitungstexte, die nach der Festwoche erschienen, schrieb einer von „den Vorstellungen einer neuen Theatergruppe in Stolpen“. Ich habe mich auch bei dem Wunsch ertappt, dass es mit den beiden Aufführungen doch nicht vorbei sein möge mit dem Volkstheater in Stolpen. In den letzten Tagen haben viele diesen Wunsch geäußert; und wie man hört, wird darüber gerade nachgedacht. Lassen wir uns also überraschen! Ich bin Johannes Venus, seinem ganzen Team und auch den Familien hinter den Mitwirkenden überaus dankbar für ihre Hingabe, Disziplin und Freude, die sie uns allen gebracht haben. Und wie ich von der Theatertruppe weiß, ist sie Stolpen und allen Ortsteilen dankbar für zweimal „volles Haus“.

Torsten Friedrich
Stolpen800